Hach wie schön wars damals...

Die Kultkneipe Sargdeckel ist für den robusten Umgang ihrer Besitzer mit ihren Gästen bekannt. (Foto: Lutz Winkler)

Sie hießen Schnulle, Trompeterschlößchen, Hotel Weltfrieden, Sargdeckel, Urquell, Klosterbräu, Café Moskau, SA-Keller, Café Corso, Zum Wildschwein, Gastmahl des Meeres, Zentrale und und und … Die Kneipenlandschaft in Halle war auch zu DDR-Zeiten quicklebendig, feucht und fröhlich. Und viele Sachen, die heute modern scheinen, gab es auch früher schon, nur unter anderem Namen. Was heute zum Beispiel ganz neudeutsch „Afterworklounge“ heißt, hieß früher „Tanz für Schichtarbeiter“. Wir haben uns einmal umgeschaut und ein paar Kneipengeschichten hervorgekramt.

Ein Abend für zehn Mark – Sargdeckel

Der Sargdeckel ist eine Legende unter den Kneipen in Halle. Seine im Laufe der Jahre wechselnden Besitzer waren für ihren robusten Umgang mitihren Gästen bekannt. In den 30er-Jahren warnte sogar ein Schild „Vorsicht grober Wirt“ die Besucher vor dem Inhaber. Zur Kultkneipe wurde derSargdeckel vor allem durch Rolf Valerius (Foto), der ab 1968 die Kneipe führte. Hier trafen sich vor allem Studenten und Theaterleute. In den Sargdeckelkam man zum Trinken. Bewaffnet mit zehn Ostmark konnte man sich dort rappelsatt essen und bis zum Verlust der Muttersprache voll trinken. Zu essengab es Bockwurst, Knacker, Sülze und Bratwurst. Dazu Ei oder Bratkartoffeln. Eine Mahlzeit kostete 1,60 Mark. Ein kleines Bier schlug mit sagenhaften 40Pfennig zu Buche, und für ein Schnäpschen, natürlich 4 cl, wollte der Wirt 1,10 Mark. Für zehn Mark = 1 Westmark = ca. 50 Eurocent bekam man also zehnBier, ein Essen und vier Schnäpse. Dann war das Geld alle, der Gast voll, und der Sozialismus nahm seinen schlängelnden Lauf …

Tanz für Schichtarbeiter – Afterworklounge

Eine berühmt-berüchtigte Nahkampfdiele, fast im wörtlichen Sinne, war das Gastronom in Halle-Neustadt. Denn die Wirtsleute erfanden die „Afterworklounge“ à la DDR. Der „Tanz für Schichtarbeiter“ begann nach der Nachtschicht der Arbeiter aus Leuna und Buna am frühen Morgen um zehn Uhr. Gegen zwölf Uhr, so die einhelligen Aussagen unterschiedlichster Beteiligter, waren die meisten Gäste nur noch schwer fähig, der Musik zu folgen. Gegen 14 Uhr waren alle Besucher, inklusive der Band, schon schwerstens angeschlagen, so dass nicht selten die Fäuste flogen. Gegen 16 Uhr war der Spaß vorbei, denn die nächste Nachtschicht begann um 18 Uhr …

Interhotel Halle – Aftershowparty in Halle

Beliebt und berüchtigt war das Interhotel Halle, das heutige Maritim. Klar konnte man dort auch zu DDR-Zeiten lecker essen und trinken, aber auch als Nahkampfdiele mit musikalischem Alleinunterhalter – heute sagt man im Club legt ein DJ auf – war das Maritim bekannt und beliebt. Allergrößter Beliebtheit erfreute sich das Interhotel bei Musikern. Denn nach einer Mucke waren die meisten Läden zu. Nicht so das Maritim. Wer also nach seinem Auftritt noch in der Lage war zu laufen, nicht unbedingt selbstverständlich, ging oder wurde gegangen ins Interhotel, denn dort war die Bar noch offen und die Barkeeper ähnlich fröhlich unterwegs wie ihre späten und oft prominenten Gäste. Man erzählt sich von Servierwagenrennen, wilden Nächten mit, wir nennen hier keine Namen, heute noch aktiven Musikern der DDR-Szene und notdürftigen Bewässerungen der Kübelpflanzen …

Turmrunden mit Sekt und Jule

Den Turm kennen sicher alle. Wie man auf dem Bild sieht, sah es 1975 schon genauso aus wie jetzt. Und auch sonst hat sich nicht viel geändert. Wollte man aber früher im Turm arbeiten, wurde man in eine Familie aufgenommen – die Türmer. Noch heute treffen sich die noch Lebenden, um sich gemeinsam an das zu erinnern, was sie aus gutem Grund lange verdrängt haben. Denn getrunken wurde nicht nur vor der Bar. Jede Barcrew kümmerte sich eine Woche lang jeden Tag um die Gäste. Wer also in eine der vier Barcrews aufgenommen werden wollte, musste vor allem seine Trinkfestigkeit beweisen: Wer den Sekt nicht nach Turmart öffnen konnte (Korken musste fliegen, ohne dass Sekt hinterherkam), musste gleich noch eine holen, solange bis es klappte. Besonders berüchtigt war aber das Würfelspiel Jule, was der Autor bis zum heutigen Tag nicht verstanden hat. Wer dort verlor, musste die nächste Runde Kümmerling zahlen, wer bei der Turmrunde, wenn die Glocke schellte, zu spät kam, musste die nächste Runde Kümmerling zahlen. Wer ein Glas herunterfallen ließ, musste eine Runde Kümmerling zahlen, und wer bei der abschließenden Turmaufnahmeprüfung in der Samstagnacht einen Fehler machte, der musste eine Runde … Wer sich aus diesem Grund nicht mehr erinnern kann, wie er die Prüfung bestand, ist leicht zu erraten, auf jeden Fall kostete mich diese Gedächtnislücke bei meiner ersten regulären Schicht natürlich eine Runde …