Kitchen-Surfing - ein Selbstversuch beim Moving Dinner in Halle

Die Vorspeise. (Foto: Yasmin-Coralie Berg)

Studenten können nicht kochen, ernähren sich nur von Nudeln und Pizza oder fahren lieber nach Hause zu den Eltern, wenn sie mal wieder was Richtiges auf dem Teller sehen wollen? Diese und andere Gerüchte ranken sich hartnäckig um das heutige Verständnis von Studentenküche. Schnell muss es sein und billig – aber ist das wirklich so? Dass auch der sparsamste Student zu kulinarischen Höchstleistungen imstande ist und unbekannte Gesichter herzlich in der noch so kleinen Küche empfängt, dieser Umstand scheint in Form des „Moving Dinner” mit solchen Klischees aufzuräumen. Moving Dinner heißt so viel wie „Bewegtes Abendessen” und deutet bereits das Motto des Abends an: Dynamische Esskultur. Das Konzept ist simpel: Jeder Teilnehmer bekommt an einem Abend in unterschiedlicher Gesellschaft ein 3-Gänge-Menü. Dafür werden zunächst Kochteams aus zwei bis drei Personen gebildet, welche im Laufe des Abend seinen Gang für zwei weitere, ihnen fremde, Teams in der heimischen Küche vor- bzw.zubereiten. Egal ob italienisch, gute deutsche Hausmannskost oder Molekularküche, dem Kochvergnügen sind – soweit alle Materialien vorhanden – keine Grenzen gesetzt. Voraussetzung für alle ist, dass die Küchen-Location nach jedem Gang gewechselt wird.

Klassisches 3-Gänge-Menü trifft auf wechselnde Locations und viele neue Gesichter

Organisiert wird die Veranstaltung, die seit 2009 einmal im Semester in Halle stattfindet, von Studierenden aus den Fachrichtungen Ernährungswissenschaften und der Medizin der Martin-Luther-Universität. Im Vordergrund steht dabei nicht nur der soziale Austausch. „Wir als Ernährungswissenschaftler wissen, dass Selberkochen am gesündesten ist. Wir wollen die Freude am Kochen in vielen Menschen wecken und die Studierenden unverkrampft von der TK-Pizza wegholen. Dabei geht es uns nicht um besonders gesunde Gerichte, sondern einfach um das Beschäftigen mit Lebensmitteln und das Kochen an sich”, erzählt Emilie Wegener, eine der Organisatorinnen des Moving Dinners. „Natürlich soll die Veranstaltung gleichzeitig auch Kontakte zwischen Studierenden aus allen Fachrichtungen schaffen. Hier lernen sich Menschen kennen, die so vielleicht nie zueinander gefunden hätten. Das gemeinsame Essen und Kochen füreinander bringt sie zusammen”, so Wegener. Das schlägt sich in den Anmeldezahlen nieder. Jedes Semester melden sich mehr und mehr Teams an, die im Studien- und Informationsportal StudIP oder auf der Facebook-Seite des Moving Dinners darauf aufmerksam geworden sind. Im November machten annähernd 50 Teams die Straßen von Halle unsicher auf der Suche nach ihrer nächsten Koch-Location. Da auch ich leidenschaftlich gerne koche, habe ich mir direkt einen Kochpartner geschnappt, um den Selbstversuch zu starten und mich für ein Moving Dinner in Halle angemeldet. Auf das die Töpfe brodeln!

Von der Vorbereitung zum Sterne-Menü

Mit der Ankündigung Ende Oktober zu einer neuen Runde des Moving Dinners begann zunächst meine Suche nach einem geeigneten Teampartner, der nicht nur kulinarisch auf einer Wellenlänge mit mir sein sollte, sondern auch den Abwasch danach ohne großes organisatorisches und zwischenmenschliches Chaos bewerkstelligen kann. Nach kurzer, aber reiflicher Überlegung schnappte ich mir einen kochaffinen Freund, mit dem ich bereits vor einiger Zeit bei „Rudi rockt” an fremden Tischenleckere Gerichte genießen durfte. Das Team war nun vollständig, und da meine Küche nicht nur sehr gut ausgestattet ist, sondern auch den Platz für eine größere Gruppebietet, war daher der Schauplatz der kulinarischen Exkursion schnell gefunden. Bereits vor der offiziellen Teilnahmebestätigung machten wir uns Gedanken, was wir kochen könnten und was in der Kürze der Zeit unter Berücksichtigung der wechselnden Locations realisierbar ist. Da wir jedoch auch damit rechnen mussten, dass Vegetarier, Veganer oder Teilnehmer mit Lebensmittelunverträglichkeiten in meiner Küche sitzen könnten, behielten wir erste Ideen im Hinterkopf und warteten die Bekanntgabedes für uns zu kochenden Ganges ab. Etwa drei Tage vor dem Koch-Termin trudelte dann die Mail ein, auf die wir so lange gewartet hatten und welche die weitere Planung wesentlich bestimmte: Die Bestätigung unserer Teilnahme mit der Nennung unseres Menüpunktes in Form der Vorspeise und den zwei weiteren Veranstaltungsorten für den Abend.

„Die Vorspeise, sehr gut! Dazu sollte sich doch einiges finden lassen”, sagte ich in einem ersten Lagegespräch am Telefon zu meinem Kochpartner und war motiviert, dass wir unseren unbekannten Gästen eine leckere Vorspeise bieten werden. Aufgrund der unkomplizierten und nicht zeitlich begrenzten Vorbereitungszeit sollte die Vorspeise ein Klacks werden. Ich sah mich schon mit meinen gefühlten 100 Kochbüchernin der Hinterhand zwischen Suppen- oder Salat-Rezepten, bis ich die Mailweiter las: „Einer eurer Gäste ist Veganer, und drei essen vegetarisch und mögen keine Walnüsse”. „Oh”, hörte ich am anderen Ende des Hörers in das Telefon seufzen, „das grenzt die Sache schon ein”. Das sollte jedoch kein Problem darstellen, und so richteten wir unseren Fokus auf einen Mittelweg aus veganer und vegetarischer Kost.

Challenge accepted!

Seit einiger Zeit experimentiere ich mit Rezepten, Zutaten und Gewürzen aus den unterschiedlichsten Ländern, die in der deutschen Küche eher unbekannt sind, aber auch in Halle in Bio- oder Feinkostläden oder Supermärkten leicht zu erhalten sind. Gerade orientalische Küche bietet zahlreiche Möglichkeiten, auf Fleisch zu verzichten und mit würzigen vegetarischen Speisen die Gäste nicht nur satt zubekommen, sondern auch den europäischen Gaumen zu beeindrucken. Neuestes Experimentstellte hierfür Quinoa dar. Die auch als peruanische Reisalternative bekannte Beilage wird ohne großen Aufwand für einen leckeren Salat mit frischem Gemüse verwendet werden, dazu etwas Brot, ein paar Dips, und die Vorspeise steht: Selfmade Quinoa-Salat mit Baguette an Hummus-, Gurken-Minz-Raita- und Feta-Paprika-Dip, sowie als Aperitif ein Gingerino mit Minze.

Jetzt mussten nur noch die Zutaten organisiert werden, und der Kochmarathon konnte losgehen. Dafür schaute ich in halleschen Feinkost- und Bioläden vorbei. Mit der Liste inder Hand ging ich als erstes bei Gourmetage vorbei, um nach meiner Hauptzutat Quinoa zu suchen. Das Sortiment ist umfangreich. Trotz zahlreicher Risotto- und Nudelsorten sowie exklusiven Salami- und Käsespezialitäten, Gewürzen und Spirituosen war die Sucheerfolglos. Quinoa scheint wohl doch noch nicht so bekannt zu sein, wie ich dachte, und ich beschloss, in anderen Läden noch einmal danach zu suchen und mich weiter an den anderen Zutaten zu orientieren. Für den besonders würzigen Geschmack unserer Vorspeise sollten aromatische Gewürze natürlich nicht fehlen. Dafür bot der Weltladen in der Innenstadt eine kleine Auswahl an Würzmischungen aus aller Welt. Cape Malay, eine afrikanische Gewürzmischung aus Koriander, Zwiebeln und Knoblauch, fand so seinen Wegin meinen Einkaufskorb. Aber auch das Gemüse durfte nicht zu kurz kommen. Für den Salat holte ich im Bioladen Rucola frische Paprika und Orangen für den Aperitif. Gingerinoist ein frischer Wein-Cocktail aus Weißwein mit Ginger Ale, serviert mit Orangenscheiben und ganz im Sinne unserer Vorspeise verfeinert mit Minze. Im Rucola-Bioladen fand ich schließlich auch den lang ersehnten Quinoa. Die restlichen Zutaten wie Kichererbsen, Fetaund Co. erhielt ich, sofern sie nicht klar vorhanden waren, in lokalen Supermärkten.

Doch auch Getränke sollten nicht zu kurz kommen. Für den Gingerino wurde ich auch bei Rucola fündig und erwischte einen veganen Weißwein, denn auch Wein ist nicht immer, wie ich dort lernte, ein rein veganes Produkt, was durch das Filterungsverfahren mitbestimmt wird. Um unseren Gästen eine kleine Auswahl an Weinzu bieten, gingen wir spontan noch bei der Villa del Vino im historischen Packhof vorbei und ließen uns beraten. Der Betrieb, der von der Zeitschrift „Der Feinschmecker”2012 als einer der besten Adressen für den Weinkauf ausgezeichnet wurde, bietet eine umfangreiche Auswahl an Weinen. Nach einer ausgesprochen intensiven Beratung und einigen Verkostungen entschlossen wir uns für einen slowenischen Weißwein und eine Rotwein-Cuvée als Alternative zum Weißwein.

  • Die Zutaten (Foto: Yasmin-Coralie Berg)
  • Das Aperetiv (Foto: Yasmin-Coralie Berg)
  • Das Hauptgericht (Foto: Yasmin-Coralie Berg)

Von Vorspeisen à la Fernost, Zucchini-Schiffen und Himbeer-Quark-Träumen

Am Tag des Moving Dinners standen wir bereits sehr früh in der Küche, um alles vorzubereiten. Für den Quinoa-Salat wurde Quinoa gekocht, das Gemüse geschnippelt und alles mit Balsamico, Öl und dem Cape Malay-Gewürz abgeschmeckt. Parallel bereitete ich die Dips vor, die daraufhin im Kühlschrank noch ihr Aroma entfalten konnten. Da wir einen Veganer als Gast haben sollten, servierten wir zwei vegane Dips in Form von Hummus aus Kichererbsen, Knoblauch und Koriander und eine Gurken-Minz-Raita, die indische Version von Tsatsiki, sowie einen vegetarischen Feta-Dip aus Hirten-, Frischkäse und Paprika. Pünktlich auf die Minute stand alles auf dem gedeckten Tisch, und die Gäste konnten kommen. Mit dem ersten und einzigen Klingeln waren auch schon alle Gäste da, die sich bereits untereinander kannten und nicht ahnten, dass sie sich heute wiedersehen würden. Wie es der Zufall so wollte, hatten sich die beiden anderen Teams bereits beim letzten Moving-Dinner kennengelernt und standen nun wieder gemeinsam in einer fremden Küche. Nach einer kurzen Vorstellung war das Eis schnell gebrochen. Fragen zum Studienfach, den eigenen Interessen oder vergangenen Erfahrungen im Ausland gehörten zur Tagesordnung, wie auch der Austausch von aktuellen Veranstaltungen in der Stadt oder Rezepte der anderen Teams, die ihren Gang noch vor sich hatten, während das Essen immer weniger wurde. Schnell waren der Salat und die Dips alle, das Geschirr stapelte sich schon auf dem Tisch, und auch der Wein leerte sich allmählich. Ein kurzer Blick auf die Uhr, und wir mussten weiter. Gemeinsam mit einem der Mädels-Teams, die in die gleiche Richtung mussten, stiegen wir in die Straßenbahn und machten uns auf den Weg zum Hauptgericht im Giebichensteinviertel. Nachdem unser „Soll” erfüllt war, konnten nun auch wir uns kulinarisch überraschen lassen, denn die Gerichte sind vorab nicht bekannt.

Beim Hauptgericht erwartete uns wieder eine Mädels-Truppe in einer großen WG-Küche. Auch hier wurden in gemütlicher Runde Details zur Person und zum Essen ausgetauscht. Auf der WG-Couch machten es sich mein Kochpartner und ich gemütlich; wir waren schon gespannt auf das Essen. Ob uns diesmal wieder etwas Vegetarisches oder Veganes erwarten würde? Die beiden Mädels vom Hauptgericht hatten sich gleich zwei Rezepte einfallen lassen: Zucchini-Schiffe und Auberginen-Röllchen mit Hack. Die unerwartete Geheimzutat im Fleisch: Zimt. Nicht nur passend zur Jahreszeit, sondern auch eine schöne Idee für das gewisse Etwas. Mit dem selbstgemachten Brot dazu punkteten sie gleich bei allen Gästen, und natürlich sollte der obligatorische Weißwein nicht fehlen. Zufrieden und gesättigt konnten wir nun zu unserem letzten Gang, der Nachspeise, aufbrechen.

Ein paar Minuten zu früh standen wir also vor dem nächsten Schauplatz des Moving-Dinners in der Ludwig-Wucherer-Straße und drückten den letzten Klingelknopf. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, den richtigen Gastgeber zu finden – es gab zwei Mietparteien mit demselben Namen auf dem Klingelschild inkl. Verwirrung gegenüber einer Austauschstudentin –, hatten wir die richtige Wohnung gefunden. Uns erwartete wieder eine WG, und wir hatten erneut die Wahl: Stuhl oder Couch? Zu unserer Freude gab es diesmal etwas Abwechslung in den Teams, da einer der Gastgeber männlich war und bisher nur Mädels das Bild des Abends geprägt hatten. Wir, beim dritten Gang inzwischen schon gefühlte Profis in Sachen Smalltalk, tauschten wieder die üblichen Informationen aus: wer, was, seit wann, wo etc. In Begleitung des passenden Nachtisches in Form von einem leckeren Himbeer-Quark-Tiramisu ließ es sich gleich viel besser quatschen, und auch der Weißwein war nicht weit entfernt. Schnell vergaßen wir im Gespräch die Zeit, und so war es nicht verwunderlich, dass wir uns erst spät gegen Mitternacht wieder auf den Heimweg machten. Wie bei jedem Moving-Dinner treffen sich alle interessierten Teilnehmer nach dem 3. Gang noch in einer Bar am Reileck, um den Abend gemeinsam ausklingen zu lassen. Da mein Team aber noch einen Haufen Abwasch vor sich hatte und am nächsten Morgen wieder die Arbeit rief, machten wir uns zusammen mit den zwei Mädels vom Nachtisch auf den Rückweg.

Das Fazit – oder wie behalte ich den Überblickim Küchenchaos

Das Moving Dinner ist eine schöne Möglichkeit, in kürzester Zeit viele neue Gesichter kennenzulernen und dabei die Kochkünste von Hobbyköchen aus den unterschiedlichen Ecken einer Stadt unter die Lupe zu nehmen. Dabei spielt die persönliche Kocherfahrung meist nur eine untergeordnete Rolle. An diesem Abend habe ich neue Leute kennengelernt, die ich tatsächlich aufgrund verschiedener Interessen, Fachrichtungen oder des Wohnviertels auf dem Campus vermutlich nicht getroffen hätte. Dies ist nicht zu guter Letzt der Organisation des Moving Dinner-Teams zu verdanken, das vorab die Gruppen zusammenstellt und bei Fragen oder Problemen ein offenes Ohr habt. Obwohl hier alle vorher nicht wissen, auf wen sie treffen, muss man keine Angst davor haben, dass kein Gespräch zustande kommt. Smalltalk läuft so gut wie von selbst, und wer sich vor Ort etwas auskennt, weiß, dass Halle – mit einem kleinen Augenzwinkern betrachtet – auch nur ein Dorf ist. Was die kulinarische Seite der Veranstaltung angeht, wurden wir nicht enttäuscht. Von wegen Bockwurst und Kartoffelsalat aus der Packung: Die Motivation ist groß, auch den Gästen etwas in kürzester Zeit zu bieten. Und wenn es mal länger dauert, dann dauert es eben etwas länger …