"Die schmeckt irgendwie wässrig"

Hier schmecken die "Bratwurst Thüringen" gar nicht nach Thüringen nach. (Foto: Dirk Reinhardt)

In Halle könn’se keine Bratwürste. Jedenfalls keine Thüringer. Also die würzigen mit wenig Fett, die ein kräftiges Aroma haben, außen knusprig und innen saftig sind. Das ist unser erschütterndes Fazit nach einem Testlauf durch die Innenstadt, bei dem wir sechs oder sieben Imbissbuden aufgesucht und deren Würste goutiert haben. Und an dessen Ende steht nur ein pelziger Geschmack im Mund, der sich auch mit Bier nicht so richtig wegspülen lässt. Und ein etwas flaues Gefühl im Bauch.

Aber der Reihe nach: Wir, das sind der in Thüringen aufgewachsene und mit Rostbratwürsten aufgepäppelte Autor, Comedian und Wurstkenner André Kudernatsch und ich. Als Mensch mit einem Wohnsitz in Thüringen lebt er praktisch von und mit Wurst. An ihr hat er sich in seinen „Wurstgedichten“und Büchern mit Titeln wie „Rache ist Blutwurst“ literarisch abgearbeitet. Er kennt sich also aus in der Materie und dokumentiert das auch selbstbewusst bei unserem Testlauf. Zudem erscheint er im T-Shirt mit einer „Bratwurst Thüringen“-Aufschrift auf der Brust und lächelt sein verschmitzt-diabolisches Lächeln. „Woll’n mal sehen, wie es hier an der Saale um die Bratwurst steht“, soll das ausdrücken.

Doch bevor wir losziehen, wird fachgesimpelt. „Auf dem Holzkohle-Grill muss die Rostbratwurst gegrillt werden, egal wo sie herkommt“, doziert Kudernatsch. Wegen des richtigen Aromas, zu dem nun mal auch etwas Holzkohle-Qualm gehört. Und da können sich die Bio-Gesundheits-Propheten noch so aufregen. Das kann man in jedem guten Grill-Anleitungsbuch nachlesen. So!

Wir beginnen unsere Exkursion an einem beliebten Imbissstand am Universitätsring, der in seinem Namen zwar für diese Dinger wirbt, die man in Berlin und im Rheinland irrtümlich für kulinarische Köstlichkeiten hält, der aber auch die klassische Rostbratwurst im Angebot hat. Allerdings kann von Rost eigentlich keine Rede sein, denn sie kommt vom Elektro beziehungsweise Gasgrill (die Antriebsart der Zubereitungsmaschine haben wir nicht genauer hinterfragt). Die Wurst schmeckt recht gut, hat aber Schwächen. „Die ist zu lasch, könnte würziger sein“, testiert Kudernatsch. „Und dunkler könnte sie auch sein“, sagt er und meint: angebrannter. Wegen der Röstaromen. Ne original Thüringer scheint das jedenfalls nicht zu sein.

Wir sehen also noch Steigerungsmöglichkeiten und machen uns auf zum Marktplatz. Da stehen ja allerlei Büdchen rum, an denen sich die Menschen auf ihrem Eilmarsch durch die Fußgängerzone schnell verköstigen. „Bratwürste Thüringer Art“ steht über einer der Buden. Wir blicken uns skeptisch an und nähern uns vorsichtig. „Sind das original Thüringer Würste?“– „Nein, die sind an Thüringen nur vorbeigefahren.“ Also ehrlich ist der Mann hinterm Grill. Wir nehmen zwei Stück von den Riesenbratwürsten und freuen uns darüber, dass wir für fast denselben Preis mehr Wurst kriegen als vorhin. Die Dinger scheinen allerdings einen ziemlich großen Umweg um Thüringen gemacht zu haben. Denn sie sind recht lasch im Geschmack. Und während wir noch kauen, spekulieren wir darüber, wie viel Schweinefleisch da wohl drin ist. Ich finde, die Dinger schmecken mehr nach Pute oder anderem Geflügel, während Testkollege Kudernatsch die Wurst „irgendwie wässrig“ findet. Naja, wenigstens war das Brötchen frisch.

Wir gehen weiter zu einem anderen Stand. Die Würste, die wir hier bekommen, kriegen von uns eine glatte 4. „Da sind irgendwelche Klumpen drin“, mäkelt Kudernatsch und haut die restliche halbe Wurst in die nächste Abfalltonne – wo meine schon liegt. Wir schlendern weiter und landen schließlich im Hauptbahnhof. Hier finden wir einen Wurststand, an dem es Riesenroster gibt. Die sind so komisch eckig und alles andere als ein Genuss für den verwöhnten Thüringer Gaumen. Irgendwie so ‘ne Art Allzweckwurst, die man eigentlich nur mit reichlich Curry-Ketschup drauf genießen kann. Und dafür sind sie wohl auch hauptsächlich gedacht. Na ja, da fühlt sich der Rheinländer wenigstens ein bisschen wie zu Hause. Weil uns inzwischen recht flau in den Mägen ist, brechen wir das Experiment hier ab. Unser Fazit: Die erste Wurst war noch die beste, hätte allerdings mehr Kümmel oder Majoran vertragen können. „Dann hätte sie auch mehr gekracht, so geschmacklich“, glaubt Kudi. Und dafür, dass keine der getesteten Würste auf einem Kohle-Grill zubereitet wurde, gibt es einen kollektiven Minuspunkt von uns.

Am nächsten Tag versuchen wir unser Glück noch in einer Fleischerei. Zwar sind die Würste hier garantiert selbst gefertigt, aber so richtig überzeugend eben auch nicht. Und während ich noch kaue, zieht der Thüringer-Wurst-Experte sein Resümee: „Also das mit dem Holzkohle-Grill scheint in Halle nicht so Tradition zu sein. Für die Thüringer ist das ja eine Frage der Ehre. Aber jeder hat halt so seine Eigenheiten.“

P.S. Ein paar Tage später sind wir in Trotha doch noch fündig geworden. Ein Bratwurst-Stand mit Original Thüringer Würsten, die auf einem Holzkohle-Grill zubereitet werden. Und die richtig gut schmecken. So würzig. Und nicht so fettig. Sie können’s also doch in Halle. Man muss halt nur ein bisschen suchen. „Noch zwei Roster bitte.“