Vom Rhein an die Saale oder „Schön, so schön …” ist ein Besuch in Halle

Die aus dem Rheinland stammende Touristengruppe ist von der Lebendigkeit der Stadt Halle überrascht. (Foto: Lutz Winkler)

Eine Gruppe aus dem Rheinland kommt nach Halle, wird überrascht und fährt aufgeklärt zurück. Sie alle sind um die 60 Jahr alt und gehören einer katholischen Arbeiterbewegung aus dem Rheinland an. 15 Touren haben sie bisher im Osten gemacht, aber nach Halle zog es sie nicht: „Neubauten, Chemie und Abgase.” Jetzt kommen sie in die Saalestadt und machen überraschende Erfahrungen: „Schön, so schön …”

Siegfried hangelt sich an den Sessellehnen nach vorn durch den Bus. Es rumpelt. Die Straße ist eng und kurvig. Einige am Gang sitzende Frauen tauschen mit ihm Blicke, erkennen, dass es jetzt los gehen soll und wenden sich um zu ihren Männern auf den Fensterplätzen. Die Frauen schieben den Zeigefi nger über den Mund, reißen dabei die Augen ziemlich weit auf und zischen: „Psch, psch“ – „Jaja, ich weiß ja, ich weiß.“ Um Joseph soll sich hier gleich alles drehen. Aber das hat Joseph selbst noch nicht gemerkt. Jedenfalls tut er so. Er sitzt hinten im Bus und schiebt sich noch ein wenig tiefer ins Buspolster. 

Kurt dagegen interessiert das alles nicht. Es darf ihn nicht interessieren. Er ist der Fahrer. Er kommt aus dem Eichsfeld, aus Leinefelde. Und für eine Woche ist er für die Gruppe der Mann von hier, der Mann aus dem Osten. Seit einigen Tagen nun schon fährt er die Gruppe aus Erkelenz durch Thüringen und Sachsen-Anhalt. Die Absprache ist, dass er ihnen auf mehreren Tagestouren das Land erklärt: Anekdoten, Daten, Geschichten. Sie alle sind um die 60 Jahre und gehören einer katholischen Arbeitnehmerbewegung aus dem Rheinland an. Es ist ihre 15. Tour durch den Osten. Und heute geht es mit Kurt am Steuer und natürlich Siegfried vorn am Mikrofon nach Halle.

15. Jubiläumstour durch den Osten

„Ach, wir waren schon überall. Dresden, Berlin, Leipzig, ja und Rügen. Ja, Dresden auch, aber das sagte ich ja schon. Aber Halle, das stand nie so zur Debatte.“ Dorothea ist die Ortskundige in der Gruppe. Sie kommt aus dem Eichsfeld und ist mit dieser Herkunft gemeinsam mit Siegfried die ostdeutsche Kompetenz. Sie und ihr Mann haben auch wieder diese nun schon 15. Jubiläumstour der Erkelenzer Ostreisen organisiert. Nach einigen Kilometern ist die Fahrt nicht mehr so rumpelig. Siegfried hat vorn bereits das Mikrofon in der Hand und ist soweit. „Heut kann es regnen, stürmen oder schnein, denn Du strahlst ja selber wie der Sonnenschein. Heut ist Dein Geburtstag, darum feiern wir, alle Deine Freunde freuen sich mit Dir.“ Mit Rolf Zuckowski auf den Lippen geht es vorbei am Kyffhäuser. Kurt erzählt etwas über den Höllbergtunnel, über den Export von Braugerste zu DDR-Zeiten und über den Streit der Kallmeröder um ihre Ortsumfahrung. Zwei Stunden hat die Gruppe noch im Bus, dann ist sie in Halle.

„Halle? Als junges Mädchen bin ich da mal ausgestiegen. Ich war fürchterlich enttäuscht“, beschreibt Dorothea ihr Wissen über die Stadt. Siegfried hört zu und nickt, um Dorotheas Worte zu unterstützen: „Halle, also den Leuten aus Erkelenz Halle zu zeigen, nee, daran hatten wir nie gedacht. Neubauten, Chemie und Abgase, so viel wussten wir. Aber diesmal: Wir waren an einem Vormittag in der Stadt, nur ein Vormittag, da war so viel Leben drin.“ Dann springt Siegfried ein: „Ja und jetzt, nun war Halle plötzlich: Händel, Salzwirkerstadt, der Hallmarkt, die Marktkirche. Na das sehen wir ja heute alles.“

Uriges Essen als Einstimmung

Allerdings müssen sie sich dabei beeilen. Sie haben zunächst eine Stunde für das Mittagessen. Dafür haben sie sich was „Uriges“, wie Siegfried sagt, ausgesucht, den „Groben Gottlieb“ in der Großen Märkerstraße. Wenig später treffen sich dann alle am Hallmarkt und werden an der Stadtinformation von der Stadtführerin Marion erwartet. Marion ist die Gästeführerin der Gruppe. Sie hat ihre Informationen von Siegfried und die lauten: Die 25 Leute, die hier vor ihr stehen, haben keine Ahnung von Halle, sie bereisen alljährlich ein Gebiet im Osten. Marion spricht ruhig, wiederholt vieles, guckt ein bisschen prüfend in die Gesichter in der Runde und schließt die richtigen Schlüsse: Die Leute wissen nichts über die Stadt. Also muss sie sie beeindrucken, ein bisschen überraschen, sie muss klotzen. Sie prahlt mit dem, was Halle hat. So will sie erreichen, dass sich die Leute später an die kleinen Einzelheiten des Brunnens am Hallmarkt erinnern, dass sie die Marktkirche zeitlich einordnen können, ein bisschen was im Kopf behalten über den Neubau des MDR oder über die Händelhalle, und dass sie Halle eben nicht mit der Baugrube an der Händelhalle verbinden oder mit der Ruine am Graseweg.

Marions Prahlen ist hier nichts egoistisches, es ist Rhetorik: „Was soll ich da sagen? Wenn die Leute fragen, antworte ich, aber die Leute darauf stoßen, dass hier Fachwerkhäuser verfallen? Halle gefällt mir, begeistert mich. Und: Es soll auch den Leuten gefallen.“ Nach dem kurzen Gang über den Markt, dem Besuch in der Marktkirche mit Einführung in die Zeit um die Reformation, einer Einführung in die Geologie, einem Exkurs in die Architektur und einem Abriss der regionalen Glaubensgeschichte wandert Stadtführerin Marion mit der Gruppe am Wandbild an der Ecke zur Oleariusstraße vorbei, berichtet im Hof des Händelhauses von der Musikwissenschaft in der Stadt und schafft auf ihrem Weg über die kleine Klausstraße zurück zum Hallmarkt weitere 300 Jahre Stadtgeschichte.

So schön, so schön

„Die Leute fragen nichts über die kaputten Häuser oder über Baugruben. Ganz selten. Wenn ja, kann ich ja antworten, kann erzählen, was da los ist. Meistens sind die Leute aber eher bemüht, etwas Nettes zu sagen und zu schwärmen, dass sie so angetan sind. Und sie sagen immer wieder: Das hätten wir nicht gedacht.“ Stadtführerin Marion holt noch einmal Luft und als alle wieder in den Bus eingestiegen sind, steigt sie dazu. Sie erzählt hoch konzentriert und in einer atemberaubenden Geschwindigkeit weitere 90 Minuten, was sich in der Stadt so alles abgespielt hat, sagt nichts böses über den Sozialismus, aber sagt es so, dass jeder sieht, was hier passiert ist und nennt für alles die Daten, die Baumeister, die Künstler, die Erfinder die Förderer und die Machthaber. Sie ist ein Lexikon und alle bekommen ein schlechtes Gewissen. Sie entschuldigen sich, dass sie keine Zeit hatten für den Dom und keine Zeit für die Moritzburg, keine Zeit für den Stadtgottesacker und keine Zeit für den Campus der Martin-Luther-Universität.

Auf dem Parkplatz der Moritzburg wird Marion verabschiedet. Alle klatschen, nicken bestätigend und sagen leise zu sich oder zu ihren Nachbarn „Nein, das hätte ich jetzt nicht gedacht.“ oder :„Dass das so schön ist.“ oder „Vieles muss aber noch gemacht werden.“ und :„So grün.“ Josef, das Geburtstagskind kommt extra nach vorn, um Marions Abschiedshand in seine beiden großen Hände zu vergraben und ihr zu sagen: „Sehr schön, sehr schön. Eine sehr schöne Stadt, die viel zu wenig bekannt ist in Deutschland.“ „Schön,“ sagen alle, und grüßen damit heimlich Marion, die an diesem Tag so hart dafür gearbeitet hat. Von den „so schönen alten Gebäuden“ sprechen sie dann im Bus, von der „vielen Musik“ ist die Rede und von dem vielen „Grün“. Keiner redet über den Schutthaufen hinter dem Leipziger Turm. Und keiner redet mehr vom Geruch.