Wo schlafen wir heute Nacht? - Interview mit Stefan Voß

Stefan Voß, Geschäftsführer der Stadtmarketing Halle GmbH, erzählt uns von den Hotels in Halle. (Foto: Martin Neuhof)

Immer mal wieder keimt in Halle die Diskussion auf, ob die Stadt zu wenige Hotels hat. Doch wie verhält es sich wirklich? Wir sprachen mit einem, der es wissen muss – Stefan Voß, Geschäftsführer der Stadtmarketing Halle GmbH.

Geschmackverstärker: Herr Voß, wenn Gäste oder Geschäftspartner mit dem Zug zu Ihnen anreisen, in welches Hotel schicken Sie diese?
Da verhält es sich mit allen anderen Touristen: Wir fragen nach, ob der Besucher in der Innenstadt oder etwas preiswerter im Stadtrandbereich, ob er in einem Vier- oder Dreisterne-Haus oder in einer Pension übernachten möchte, ob mit oder ohne Frühstück. Es gibt diesbezüglich keine eigenen Präferenzen im Stadtmarketing, nur gute Beratung.  

Halle hat 233.000 Einwohner, ca. 2.700 Hotelbetten und ca. 370.000 Hotel-Übernachtungen im Jahr. Wenn man einige Hotels des Saalekreises am unmittelbaren Stadtrand mit einrechnet, sind es 3.600 Hotelbetten mit ca. 600.000 Übernachtungen im Jahr. Wo im Vergleich zu Oberhausen (211.200 EW), Kassel (197.100 EW), Erfurt (206.000 EW) oder Braunschweig mit 248.450 Einwohnern steht Halle da?
Was die Anzahl der Hotelbetten innerhalb des Stadtgebietes betrifft, sind wir im Verhältnis zur Größe unserer Stadt Schlusslicht unter Deutschlands Großstädten. Was die Auslastung der Hotels betrifft, so liegen wir im Mittelfeld. Bei den Übernachtungszahlen toppen uns Städte wie die Luther- und Landeshauptstadt Erfurt mit 753.000 bzw. die Kongress- und Messestadt Kassel mit 836.000 Übernachtungen. Dies liegt erstens an den Messen und Kongressen wie der documenta in Kassel, zweitens an einem Kongresszentrum, das Halle fehlt, und drittens amMangel an Hotelbetten insgesamt. Im Vergleich zu Braunschweig (560.000 Übernachtungen) und Oberhausen (455.500 Übernachtungen) liegen wir vorn, wenn wir die Hotels am Stadtrand bzw. deren Zimmer dazurechnen.  

Gibt es denn eine Nachfrage, die mehr Hotelbetten rechtfertigen würde?
Die Stadt Halle (Saale) beheimatet so viel Kultur, Wissenschaft und imposante Baudenkmäler, dass allein das Wirken der Martin-Luther-Universität, der Stiftungen (Franckesche Stiftungen, Stiftung Moritzburg, Stiftung Händelhaus) und der Bundes- und Landesinstitutionen (Leopoldina, Bundeskulturstiftung, Landesmuseum für Vorgeschichte, Kunstmuseum des Landes, Landeskunststiftung) große Nachfrage generiert. Mit dem UNESCO-Welterbe derHimmelsscheibe zu Nebra und künftig hoffentlich der Franckeschen Stiftungen und der Halloren-Salzwirker-Bruderschaft entfaltet die Stadt noch mehr touristische Nachfrage.  

Wie arbeiten Sie mit Gastronomen, Hotelketten und Kultureinrichtungen zusammen – gibt es dort besondere Wünsche oder Anforderungen an die Stadt?
Das Stadtmarketing hat hierzu eine Reihe von Kooperationen mit der Hotels und Kultureinrichtungen (wie die Kampagne der Kulturhäuptlinge) entwickelt. Hotels beteiligen sich als Anschließer auf internationalen und nationalen Tourismusmessen, engagieren sich bei Journalisten-Famtrips und veranstalten mit uns Reiseveranstalter-Workshops und Speeddatings. Gewiss würden manche Hotels nachrüsten, wenn deren Auslastung über einen längeren Zeitraum überschritten wäre. Aber Hotels wie das Dormero müssen dies vor allemdeshalb, um die Disproportionalität von Hotelzimmern (88) zu Kongresskapazitäten (für ca. 1.500 Teilnehmer) zu korrigieren.  

Was entgegnen Sie denen, die sagen: „Noch mehr Hotels schmälern unser Gästeaufkommen“?
Der Erfolg jedes Hotels in unserer Stadt hängt vor allem vom Service und Einsatz seines Personals und von Netzwerkarbeit ab. Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft gibt es genug in Halle, um vom Zustrom der Tagungen, Kongresse und der Kulturtouristen zu profitieren.  

Fehlt es generell an Unterkünften oder besonders an großen Hotels für Kongresse, an kleinen Hotels für Familien oder an mittleren Hotels am Stadtrand?
Der Benchmark der Beherbergungsbetriebe der Stadt Halle (Saale) hat ergeben, dass Halle im Vergleich zu den allermeisten deutschen Großstädten die geringste Anzahl von Betrieben und die niedrigste Bettenzahl aufweist. Speziell bei den Betriebsgrößen zwischen 160 und 300 Zimmern und Tagungsräumen für mehr als 100 Personen herrscht Mangel. Und im Umkreis von einem Kilometer der Kongresshalle Georg-Friedrich Händel gibt es kein einziges Hotel mit mehr als 100 Betten. Idealtypisch verbindet ein Kongresszentrum alles unter einem Dach. Kleine Hotels für Familien sind nicht das Problem. Stadtstrategisch war die Entstehung mehrerer Kettenhotels auf der grünen Wiese im Saalekreis eine Fehlentscheidung, was auch deren Belegungsraten und Zimmerpreise vergangener Jahre dokumentieren.  

Die Deutsche Bahn baut den Bahnknoten Halle um: Bringt das auch mehr Hotelgäste?
Verbesserte Verkehrsinfrastruktur und mehr Züge sind immer von Vorteil – nicht nur für Touristen, sondern auch für Ansiedlungen und Güterverkehr. Außerdem bringt es mehr Anknüpfungspunkte – auch und gerade zur Deutschen Bahn. Und idealerweise verschafft es uns auch Werbemöglichkeiten entlang der Zugstrecke.  

In zwei Jahren feiert die Evangelische Kirche das Reformationsjubiläum 500 Jahre Thesenanschlag Martin Luthers. Wie sollen Touristen in Halle Luthers Totenmaske anschauen können, wenn sie nicht einmal ein Hotel finden?
Die Stadt Halle (Saale) hat immer Wege gefunden, dem touristischen Ansturm auch in Stoßzeiten Herr zu werden. Hier plagen die Lutherstadt Wittenberg größere Probleme. Schwieriger ist es in Halle, die Luthermaske zu finden. Denn die Evangelische Kirche versteht es – im Gegensatz zu den Katholiken, ihre Schätze ganz unprätentiös zu verbergen. Wenn es nach mir ginge, würde ich die Luthermaske in der Marktkirche aufbahren wie Lenin im Kreml – und dies international vermarkten.  

Herr Voß, vielen Dank für das Gespräch.