Youth Food – die jungen Genießer aus Halle laden ein

Die Youthfood-Aktionisten bei einer Aktion auf dem Markt. (Foto: Hendrik Haase)

Was würden wir essen, wenn plötzlich alle Supermärkte geschlossen hätten? Wo kommt die Bio-Tomate her, und wie viel Mühe steckt eigentlich in einem guten Brot? Das sind Fragen, die sich die jungen Genießer Halle stellen. Eine Gruppe von jungen, kulinarisch Interessierten, hat sich in der Gruppe Youth Food zusammengeschlossen, um die natürliche regionale Geschmacksvielfalt gemeinsam zu erleben und mit bewusstem Umgang gleichzeitig zu erhalten.

Man kocht zusammen, tauscht Rezepte aus, und man ist immer auf der Suche nach den besten Produkten. Dazu gehören Besuche bei Käser, Bäcker und Bio-Bauern, die ihr Handwerk zeigen. Wenn immer mehr industrielles Fast Food den Alltag bestimmt und die Tiefkühltruhe oder Fertignahrung mit zahlreichen chemischen Zusätzen den Alltag von vielen bestimmt, ist nach Meinung der Gruppe eine intensive Beschäftigung mit unseren Lebensmitteln angebracht und von großer Bedeutung. Diese fatale Entwicklung macht auch vor Restaurants, Cafés und der Uni-Mensa nicht halt. Denn schon lange wird auch hier vielerorts auf Tiefkühl- und Fertigware zurückgegriffen. Der Preis, der dafür gezahlt wird, ist jedoch hoch, denn eine der ältesten Kulturen der Welt steht auf dem Spiel: unsere gemeinsame Esskultur. Die Aktivisten denken, dass es in der Hand eines jeden Konsumenten liegt, diese Welt auf den Tellern zu verändern. Das geht ihrer Meinung nach am besten durch das bewusste Genießen mit allen Sinnen, die Wertschätzung von Pflanze und Tier und das Bewusstsein,  dass unsere Lebensmittel und der Umgang mit ihnen mehr als bloße Nahrungsaufnahme ist.

Die jungen Genießer in Halle sehen sich dabei als Teil des internationalen Youth Food Movements. Dieses weltweite Netzwerk junger Menschen will die aktuelle Entwicklung unserer Ess- und Lebenskultur nicht einfach hinnehmen. Das Youth Food Movement besteht aus Schülern, Köchen, Lebensmittelhandwerkern, jungen Landwirten, Studenten und Künstlern. Alle gemeinsam haben sie das  Ziel, aus Nahrungsmitteln wieder Lebensmittel zu machen. Das Youth Food Movement sieht sich dabei den Zielen der ebenfalls internationalen Slow-Food-Bewegung verbunden (siehe unten).

Durch öffentliche Aktionen wollen sie auch andere Menschen zu einer bewussteren Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Essgewohnheiten inspirieren. Eine Aktionsform des Netzwerkes sind die sogenannten Eat-Ins. Weltweit haben diese bereits in Fussgängerzonen und auf Marktplätzen stattgefunden. Bei einem Eat-In treffen sich Menschen auf öffentlichen Plätzen an einer langen Tafel, um dort das zu essen, was sie selbst aus frischem, regionalem Bio-Gemüse vom Markt oder Erzeuger gekocht haben. An diesen langen Tafeln laden die Aktivisten ein und zeigen so auch anderen, wie einfach und vor allem lecker der Wandel ist. So wird aus dem Eat-In ein Protest gegen Fast Food und künstliche, billig in Fabriken hergestellte Lebensmittel.

Im September 2010 schwärmten die Hallenser zusammen mit vielen Freunden und Interessierten aus, um die besten regionalen Spezialitäten, frisches  Gemüse und Früchte aus der Region Halle zusammenzutragen, gemeinsam zu kochen und in Form eines Eat-Ins zu genießen. Um süß und herzhaft auf der  Tafel zu vereinen, teilte sich die Gruppe in ein Frucht- und ein Gemüseteam. Auf dem Rücken der eigenen Drahtesel zogen die beiden Gruppen dann in  entgegengesetzte Richtungen aus. Eine Gruppe schlängelte und naschte sich entlang der halleschen Obstbaumalleen. Sie sammelten dabei Äpfel, Birnen, Mirabellen und Zwetschgen, die unbeachtet und ungenutzt bisher nur den Vögeln schmeckten. Das andere Team begab sich direkt in Richtung des Biolandguts in Stichelsdorf und erntete dort auf den Gemüse- und  Kräuterfeldern. Rüben wurden aus dem Boden gezogen, die letzten Gurken gesammelt und frische Kräuter geschnitten. Wieder zurück in der Stadt wurde die Beute der Jagd nach regionalen Köstlichkeiten vor einem kleinen Restaurant in Halle, dessen Küche man für diesen Abend übernahm, ausgebreitet und verschiedenen Gängen zugeordnet.

Gemeinsam begannen alle, Gesammeltes zu putzen, zu schneiden und  gemeinsam zu kochen. Dabei entstanden Kreationen von Kürbiscremesuppe, über frisches Kräuterpesto, Birnenchutney bis hin zu Pflaumen-Mirabellen-Quarkauflauf.  Dazu wurde selbstgebackenes Brot und Wein der Saale-Unstrut-Region gereicht. An diesem Abend war allen Beteiligten klar, dass Essen mehr ist als etwas, das nebensächlich und möglichst schnell vonstattengehen sollte. Zudem hat die Region viel mehr an leckeren nachhaltigen Alternativen zu bieten, als viele gedacht hätten. Und dass Ernte, Kochen und Essen erst in  Gemeinschaft zu einem großen genussvollen Erlebnis werden, war für viele eine neue Erfahrung, die eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Was ist Slow Food - einige Informationen im Überblick

Slow Food ist eine weltweite Vereinigung von Genießern und Konsumenten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Kultur des Essens und Trinkens zu pflegen und lebendig zu halten. Die Non-Profit-Organisation sieht sich als Antwort auf die Verflachung der Geschmacksvielfalt und Verarmung der Esskultur durch Fast Food. Als Verein fördert Slow Food eine verantwortliche Landwirtschaft und Fischerei, eine artgerechte Viehzucht, das traditionelle Lebensmittelhandwerk und die Bewahrung der regionalen Geschmacksvielfalt. Slow Food bringt Produzenten, Händler und Verbraucher miteinander in Kontakt, vermittelt Wissen über die Qualität von Nahrungsmitteln und versucht so den Ernährungsmarkt transparent zu machen. Dazu gehört auch ein internationaler Austausch von Geschichten, Wissen und Projekten unter den Mitgliedern. Slow Food Deutschland e.V. gliedert sich in regionale Convivien. Die Convivien (zu deutsch: Tafelrunden oder auch Slow-Food-Gruppen) sind die Orte, an denen Slow Food – neben den überregionalen, bundesweiten und internationalen Veranstaltungen – auch in Halle und Leipzig kennengelernt werden kann.

Mehr Informationen über Slow Food: www.slowfood.de 
Kontakt zum Convivium Leipzig-Halle: Convivium Leipzig-Halle | Kontakt: Peter Wittler | Adresse: Jacobstr. 16, 04155 Leipzig | Fon: (0160) 712 6666 | E-Mail: pwittler@web.de