Komplimente aus der Schattenwirtschaft

"Black Death" ist ein Mystery-Thriller von Jens Meurer. (Foto: Egoli Tossell Film)

Sie bauen keine Fabriken, deswegen sieht man sie nicht. Wo sie sich niederlassen, sind andere meist gegangen. Was sie machen, können Außenstehende nur schwer beschreiben, und wenn sie gehen, weint ihnen kaum ein Stammtisch eine Träne nach. Denn meistens sind mit ihnen nur wenige Arbeitsplätze verbunden...

Die Kreativwirtschaft hat nur wenige Leuchttürme, zu denen die Menschen aufschauen können. Dabei umfasst ihr Wirtschaftsfeld elf Kernbranchen: Musikwirtschaft, Buchmarkt, Kunstmarkt, Filmwirtschaft, Rundfunkwirtschaft, Markt für darstellende Künste, Designwirtschaft, Architekturmarkt, Pressemarkt, Werbemarkt sowie Software/ Games-Industrie. Ihnen allen ist gemein, dass  der Ausgangspunkt der Wertschöpfung der schöpferische Akt des künstlerisch kreativ Tätigen ist. Ausdrücklich zählen zu diesem, erst in den letzten Jahren definierten und wissenschaftlich beschriebenen Industriezweig, die öffentlich geförderten Kultureinrichtungen nicht. Der Industriezweig Kreativwirtschaft besteht ausschließlich aus erwerbswirtschaftlichen Unternehmen, wobei 90 Prozent dieser Unternehmen zu den Klein- und Kleinstbetrieben gehören, also meist weniger als zehn Angestellte haben. In Halle versucht man mit „URBACT II REDIS“ der Kreativwirtschaft einen Raum zu geben. Doch wie erleben die Kreativen die Stadt Halle? Welche Perspektiven gibt sie ihnen, und was macht sie so besonders? Egoli & Tossel Filmproduktion AG und 42Film sind zwei Player dieser Kreativbranche. Egoli & Tossel ist groß, international aufgestellt, macht Filme mit Hollywoodstars, während 42Film eine Zweimannfirma ist, die sich mit regionalen Filmen, wie Helbra oder Heinz und Fred, einen Namen gemacht hat. Sie sind Konkurrenten im Kampf um Fördergelder und Zuschauer. Gemeinsam sind sie Nutznießer ein und derselben Infrastruktur und freuen sich beide über Arbeitsbedingungen, die sie hier haben. Wir sprachen mit den Gründern beider Firmen Jens Meurer (Egoli & Tossel) und Eike Goretzka (42Film).

Es gibt eine positive Grundstimmung in Halle

Kulturfalter: Egoli Tossel ist eine Independent-Filmproduktionsfirma mit Niederlassungen in Berlin, Leipzig, Halle, Köln, München und Potsdam-Babelsberg. Wie kamen Sie auf die Idee, ein Büro in Halle zu eröffnen?

Jens Meurer (Egoli Tossel Film): Vor zehn Jahren haben wir den Dokumentarfilm „Ausfahrt Ost“ in Sachsen-Anhalt gedreht. Dafür waren wir über Monate im Land unterwegs. Sachsen-Anhalt ist nicht weit weg von Berlin, und doch entstand für mich und für die Kollegen damals so eine Art Entdeckungsgefühl. Es gab so viel zu sehen. Dann haben wir für den Film „Russian Ark“ die komplette Postproduktion in Halle gemacht, und seit vier oder fünf Jahren sind wir hier.

Was macht Halle attraktiv für Sie?

Halle hat unheimliche Stärken im Bereich Ton, Postproduktion und im Effektbereich. Das MMZ und die Firma Metrix sind eine unschlagbare Kombination. Es gibt für uns keine bessere in Deutschland. Außerdem ist Halle nicht weit weg von Berlin, was kein Nachteil ist, sondern ein echter Vorteil. Auch ist Halle als Drehort interessant.

Inwiefern ist Halle ein interessanter Drehort?

Halle ist gut, um den Osten zu drehen. Wir werden demnächst für einen Dreh wieder Berlin hierher verlegen, so wie es die Kollegen für „Liebe Mauer“ gemacht haben. Man muss hier nichts nachbauen, und es herrscht kein  Andrang. Es gibt eine positive Grundstimmung in Halle, und man kann alles in Ruhe drehen. Die Stadt liegt außerdem so, dass man von hier aus viel Historisches entdecken kann. In Richtung Süden oder gen Harz und nördliches Sachsen-Anhalt findet man viele Mittelalterschauplätze, die noch nicht verbaut sind. Es gibt vom spießigen Eigenheim bis zur DDR-Geschichte, gemischt mit deutscher Geschichte, ein großes Spektrum. Es ist eine viel größere Vielfalt als in Berlin oder Brandenburg. Versuchen Sie in Brandenburg mal einen Berg zu finden.

Wie sind die Zusammenarbeit und das Zusammenkommen mit den Menschen und Behörden vor Ort?

Bisher haben wir nur gute Erfahrungen gemacht. Die Menschen sind sehr höflich und respektvoll. Die Schauspieler merken das und spüren, dass es was zählt, wenn man hierher kommt. Wir haben zahlreiche positive Rückmeldungen. Viele Schauspieler bringen Halle nur mit Händel in Verbindung. Manchmal sorgt auch das Stadtwappen für amüsante Verwirrung, denn die Salzpfanne wird oft mit einem Halbmond verwechselt. Dass einiges im Gedächtnis bleibt, merkt man, wenn Helen Mirren auf der Oscarverleihung von „Sexy Anhalt“ erzählt. Sie hat diesen Begriff erfunden und geprägt, weil sie Sachsen-Anhalt nicht aussprechen konnte.

Ist die Entwicklung nachhaltig oder wird die Karawane weiterziehen, wenn das Feld abgegrast ist?

Ich denke, es ist nachhaltig, auch wenn es nachhaltig gefördert werden muss. Es gibt gute Gelegenheiten, man kann gut mit den Leuten vor Ort arbeiten. Von Berlin aus ist man schnell hier, so kommt man mal raus und ist wieder kreativ. In Berlin gibt es kein Geld, und man ist nicht originell. Übrigens ist die Filmbranche kein schnelllebiges Geschäft. Vier Jahre an einem Film zu drehen, ist die Regel, und sogar sieben Jahre ist nicht sehr lange für ein Projekt. Wichtig für eine Entwicklung sind die kleinen Dinge. Es gibt zum Beispiel nicht viele richtig gute Mischtonmeister auf der Welt. Wenn denen das Studio hier gefällt, die hier ein angenehmes Hotel und eine Lieblingskneipe finden, dann sagen die explizit ‚Hier wollen wir arbeiten‘, und dann ziehen auch Firmen wie Post Republic aus England hierher. In Sachsen-Anhalt ist diese Industrie eine große Wachstumsindustrie mit vielen Firmen. Das sieht nur keiner, weil sie keine Fabriken bauen.

Herr Meuer, Vielen Dank für das Gespräch.

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Eckpunkte zu Egoli Tossel:

Web: www.egolitossel.com // Gegründet: 2001 // Büros: Berlin, Halle, Köln, Leipzig, Potsdam-Babelsberg, München // Filme: Russian Ark, FC Venus, Ein russischer Sommer, Black Death, Maria am Wasser, Carlos der Schakal // Dokumentarfilme: Ostpunk-Too much future, Made in Germany, geplant: Hectors Reise, Song of Names 

 

Es gibt eine positive Grundstimmung in Halle

Kulturfalter: Kann man in Halle komplett einen Film drehen, also findet man hier alles, was man dazu braucht?

Eike Goretzka (42Film): Das geht auf jeden Fall. Ich glaube: außer ein Labor, in dem sie 35-mm-Filme entwickeln lassen können, und richtigen Studios gibt es in Halle alles, was Sie brauchen. Aber wenn man unbedingt in einem Studio vor Kulissen drehen möchte, dann fährt man halt nach Leipzig in die Mediacity.

Was macht Halle als Standort interessant?

Die Infrastruktur ist wichtig. Man ist schnell in Berlin, und es gibt einen Flughafen, das ist bei internationalen Produktionen wichtig. Man arbeitet in der Region Halle/Leipzig eng zusammen, und die Förderrichtlinien sind gut. Die deutsche Filmindustrie hängt sehr an der öffentlichen Förderung.

Fließt von einer Fördersumme eigentlich mehr in eine Region oder aus der Region hinaus?

In der Regel ist es so, dass man Geld aus unterschiedlichen Töpfen bekommt. Es gibt Bundesmittel von der Filmförderungsanstalt, dann von Fernsehsendern und auch von Koproduzenten. Diese Gelder sind nicht ortsgebunden. Die Richtlinien der Förderung der Mitteldeutschen Medienförderung achten darauf, dass man das Geld hier ausgibt – und dann ist es schon so, dass man Geld mitbringen muss und dieses dann auch hier ausgibt.

Also bekommt auch ein Quentin Tarantino nicht einfach so die Fördermittel?

Nein, das glaube ich nicht. Auch er wird Geld mitgebracht haben, und er hat auch vor Ort gedreht. Aber daran sieht man, wie gut die Bedingungen sind und wie gut auch inzwischen das Renommee ist.

Was macht Halle als Drehort interessant?

Es ist die zentrale Lage in Mitteldeutschland, und es gibt hier viele alte Sachen aus unterschiedlichen Epochen zu sehen. Es gibt Landschaftliches, so dass man bei „Black Death“ von Egoli Tossel denkt, man sei im „Herr der Ringe“. Aber man hat auch Urbanes in der Gegend. Halle wird als Drehplatz für das alte Berlin immer interessanter, ebenso Görlitz, wobei das auch oft für Paris herhalten muss. Es gibt außerdem hier in der Nähe viele gute Geschichten. Mit „Helbra“ oder „Heinz und Fred“ haben wir ja schon im Mansfelder Land gedreht, und der nächste Film ‚Frühlingsopfer‘ spielt dort und ein anderer in Dresden.

Wie ist die Zusammenarbeit mit Behörden?

Da haben wir nur gute Erfahrungen gemacht. Unseren letzten Film „Ich, Tomek“ haben wir zwar in Zittau und Guben gedreht, aber auch dort sorgten die Behörden für gute Bedingungen.

Wie lange dreht man einen Film von der Idee bis zur Premiere?

Das dauert drei Jahre, wenn man schnell ist. Aber vier Jahre ist die Regel, wobei es auch länger dauern kann, was keinen verwundert.

Das bedeutet praktisch, dass Sie, trotz dass 42Film nur aus zwei Leuten besteht, immer mehrere Produktionen gleichzeitig in verschiedenen Stadien haben müssen, um sich zu finanzieren? Wie schaffen Sie das?

Ja das stimmt, wir arbeiten immer an mehreren Filmen gleichzeitig. Außerdem arbeiten wir in letzter Zeit mit Partnern in anderen Bundesländern und aus ganz Europa als Koproduzenten zusammen. Als Koproduzent steigt man später als gewöhnlich in ein Projekt ein. Man muss sich nicht ganz um alles kümmern und hat bei Weitem nicht so viel Arbeit wie als Produzent.

Ist die Entwicklung nachhaltig, die wir in Halle und Mitteldeutschland erleben?

Ich denke, wenn die Förderung (MDM) weiter intelligent mit den Mitteln umgeht, dann kann das nachhaltig zur Entwicklung der lokalen Filmindustrie beitragen bzw. es hat ja schon zur Entwicklung beigetragen. Allerdings muss man Filmindustrie hierbei in Relation setzen und darf keine unrealistischen Vorstellungen haben.

Herr Goretzka, vielen Dank für das Gespräch!

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Eckpunkte 42Film - Mehr gibt es auch im Spezialthema von Kulturfalter.

Web: www.42film.de  // Gegründet: 2004 // Büros: Halle // Filme: Ich, Tomek, Heinz und Fred, Der letzte Gast, Helbra, geplant: World wide Dresden, Frühlingsopfer, Der brave Soldat S.