Ein Kunststück - Der Neubau der Stiftung Moritzburg

Die "neue Moritzburg". (Foto: Jana Kausch)

Die Stadt hat eine neue Attraktion: Den Neubau des Kunstmuseums. Diskussionen um das Konzept, die Umsetzung, die Dauer, die Kosten erstarben, nachdem die Architekturkritiker und Feuilleton-Redakteure im Dezember 2009 die ersten Rundgänge durch das fertige Bauwerk machten. Die Stadt ist stolz auf ihren Neubau im Alten. Auch wenn sie Burg heißt, ist die Moritzburg doch ein Schloss. Jeder Stadtführer erzählt dies den kleinen Gruppen, die hinter seinem Schirm herlaufen: ein »befestigtes Schloss, meine Damen und Herren«.

Es ist in der Frührenaissance wehrhaft gebaut worden und hat doch Schaden genommen. Im Dreißigjährigen Krieg, einhundertdreißig Jahre nach der Erbauung, war der Glanz vorbei. Große Teile verbrannten und wurden nie wieder vollständig hergestellt, bis jetzt. Im Dezember 2008, plötzlich, ist es schick geworden, wie viele Hallenser sagen, im Westflügel: ein kleiner Weg, ein Café mit Stühlen davor und die Fassade befestigt: das Kunstmuseum zeigt sich auch nach außen ganz neu. Die Besucher blicken nun auf die Fassade, die sich restauriert bis ins zweite Stockwerk erhebt, wo auch das Mauerwerk bricht – wie schon früher. Man erkennt dann eine Glasfassade, und später, wenn man ein wenig erhöht steht, sieht man Teile des Dachs. An der Grenze zum Westflügel ist der Eingang errichtet, deutlich modern und mit Aluminium verkleidet. Dies ist das Tor zur neuen Moritzburg, die in drei Jahren errichtet nun für neue Besucherströme sorgt und deutschlandweit Lob erntet.

Im Jahr 2003, fast vierhundert Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg, begannen die Planungen für diesen Bau. Dabei ging es zunächst darum, den Nordflügel, der kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts zur Turnhalle umgebaut worden war, in das Museum einzuNach Plänen des spanischen Architektenpaars Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano wurde dann das Museum ausgebaut. Statt der bis dahin rund 1500 Quadratmeter Ausstellungsfläche entstand eine Gesamtfläche von rund 4000 Quadratmetern. Beachtung allerdings verdiente sich Halle nicht etwa mit der Entscheidung für Investitionen in das Museum oder in einen Neubau, sondern für die gewählte und hervorragend umgesetzte Konzeption. Nieto Sobejano gelang es, in diese historische Umgebung, in das Schloss und in ein vorhandenes Gebäudeensemble ein neues Museum mit breiten Nutzungsmöglichkeiten zu setzen.

Die Idee des Konzepts ist eine Art Aufhängung, das Schaffen neuer Räume  unter Akzeptanz der alten Umrisse und Strukturen. Für den Besucher, der unter dem Eindruck der historischen Fassade des Schlosses eintritt, erstreckt sich im Innenraum eine völlig neue Raumaufteilung. Anhand der an vielen Stellen offenen Außenwände oder der kleinen Zugänge zu den Türmen kann er die alten Grundrisse erkennen und die alten Funktionen. Lediglich frei tragende Gänge entlang der Fensterfronten deuten die  Höhe der einstigen Etagen an, bieten aber gleichzeitig den freien Blick in Teile der Ausstellung.

Für den  Besucher, der unter dem Eindruck der historischen Fassade des Schlosses eintritt, erstreckt sich im Innenraum eine völlig neue Raumaufteilung. Die  Architekten nutzten geschickt die historischen Grundrisse für große, aber unspektakuläre Höhepunkte, wie dem Fenster zur Stadt oder dem Turmkabinett. Der Besucher ist erstaunt und freut sich darüber, was hier erreicht wurde: Die Umsetzung dieses klassischen Anspruchs eines Museums als Kabinett, also einzutreten und etwas zu sehen, etwas präsentiert und erklärt zu bekommen, was es im Leben draußen zwar gibt, aber dessen Dimensionen man erst hier erkennt.

Die nun nahezu verdreifachte Fläche, die neue Gestaltung der Räume, die modernen technischen Standards entsprechende Klimatisierung, der Lichtschutz und gleichzeitig die vielfältigen Möglichkeiten der Hängung in unterschiedlich hohen Räumen machen das Kunstmuseum zu einer bundesweiten Attraktion.

Vor allem aber kann das Haus nun die Stücke des Würzburger Mäzens Hermann Gerlinger in aller Ausführlichkeit zeigen. Der Sammler hatte Halle seinen Bestand an Werken der Brücke-Künstler unbefristet geliehen, und Halle hat es ihm gedankt mit dem Neubau als Plattform für die einzigartig ausführliche Sammlung. So zeigt das Haus nun also im Westflügel Werke dieser zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Dresden gegründeten und in Berlin aktiven Gruppe »Die Brücke«, darunter Werke von Karl Schmidt-Rotluff, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein, Otto Mueller und Emil Nolde.

Hinzu kommen die beiden Schauen »Moderne eins« und »Moderne zwei«, eine kleine, aber bedeutende Auswahl von Werken aus den Perioden vor und nach 1945 und in der »Moderne zwei« aus Ost und West. Insbesondere die »Moderne zwei« überrascht u.a. mit ihren Werken Einar Schleefs neben Stücken von Willi Sitte, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer. Das Dilemma, aus dem sich das Museum mit diesem Neubau gerettet hat, beschreibt der Kommunikationsleiter des Hauses, Wolfgang Heger so: »Wenn wir früher eine Ausstellung gemacht haben, eine Sonderausstellung, dann war so wenig Platz, dass wir fast unseren gesamten Bestand einpacken mussten. Wir wussten dann nie, was besser war: Der Moment des neuen Ausstellungsstarts oder der Moment, wenn wir die verstauten Werke wieder hinhängen konnten.« Das neue Haus ist nun, was es früher aufgrund seiner Beschränkungen nie sein konnte: ein kleiner Wallfahrtsort. »Wer jetzt wegen Franz Marc kommt, kann immer kommen. Denn der hängt auch, hängt immer, ist zu sehen, und nebenan hängt Feininger. Das ist das neue Haus.«

(Stefan Ruwoldt im Geschmackverstärker 2010)