Nach Bio isst man nun vegan

Foto: Maik Schwertle, Pixelio

Vegane Koch- und Backbücher in den Buchläden, vegane Cafés und Restaurants in den Städten und vegane Lebensmittel in Supermärkten. Vegan boomt – das ist unübersehbar. Doch auch keine andere Ernährungsweise wird aktuell mehr diskutiert. Dies reicht sogar bis in den Bundestag, wo sich der CDU-Abgeordnete und Agrarpolitiker Dieter Stier gar wegen veganem Sexspielzeug echauffierte. Was ist also dran am neuen Ernährungshype?

Vor mehr als zehn Jahren schwappte die erste große Bio-Welle über Deutschland. Plötzlich begannen Konsumenten darauf zu achten, woher ihre Nahrungsmittel kamen und wie sie produziert worden sind. Heute ist Bio ein fester Bestandteil des täglichen Lebens und Essens. Zeit also für den nächsten Trend. Und es scheint so, als ob vegan das neue Bio ist und die vegane Lebensweise verstärkt in den Blickpunkt vieler Menschen rückt.

Kristjan Schmidt vom Verein „Vegan in Halle“ kann diesen Trend auf jeden Fall bestätigen: „Das Bewusstsein, sich gesund zu ernähren, ist in den letzten Jahren meiner Ansicht nach deutlich gestiegen. Dadurch gibt es auch immer mehr Menschen, die sich über die vegane Lebensweise informieren oder diese praktizieren wollen.“ Schmidt ist selbst seit fast vier Jahren Veganer, davor ernährte er sich schon einige Jahre vegetarisch. Die Umstellung in der Ernährung war für ihn persönlich also nicht besonders schwierig. Auch der Bund für vegane Lebensweise schreibt, dass im Grunde die ersten Schritte für eine Umstellung relativ einfach seien: Man müsse nur alle offensichtlichen tierischen Produkte wie Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte und auch Honig aus der Ernährung weglassen. Dann aber wird es schon schwieriger. Denn einige Veganer beziehen vegan ausschließlich auf ihre Ernährung, während andere dies auf ihre gesamte Lebensweise ausweiten. Sich beispielsweise gegen die Ausbeutung von Tieren wenden und besonders umweltbewusst leben. Was aber auch heißt, darauf zu achten, was man trägt – Wolle, Seide und Leder sind dann nämlich tabu. Oder ob bei der Herstellung von Produkten Tierversuche im Spiel waren, zum Beispiel bei Kosmetika oder Waschmitteln. Noch komplizierter wird es, wenn man einer niederländischen Forschungsarbeit Glauben schenkt. Diese weist darauf hin, dass sich beispielsweise Bestandteile vom Schwein in Zigaretten oder in Fruchtsäften finden lassen. Eine Information, die selbst Fleischesser stutzig machen sollte. Und auch Kristjan Schmidt, der weitestgehend versucht, vegan zu leben, ist zu der Erkenntnis gekommen: „In unser Gesellschaft ist es leider nicht möglich, hundertprozentig vegan zu leben. Realistisch betrachtet, geht es also um die Vermeidung dessen, was möglich ist.“

Dennoch wächst die Gruppe der Fleischverächter von Jahr zu Jahr. Und da auch diese Hunger hat, nehmen die Angebote veganer Kost immer weiter zu. Verspürt ein Veganer in Halle etwa Kuchenhunger, geht er ins Café „The Shabby“. Lust auf einen Burger? Den gibt´s im „La Karot“. Und seit Dezember 2014 hat ein hallescher Pizzadienst als bisher einziger eine komplett vegane Pizza im Angebot. Und auch in puncto vegane Lebensmittel hat sich die Angebotspalette deutlich vergrößert. So stieg im Jahr 2013 der Umsatz mit als vegan gekennzeichneten Erzeugnissen nach Angaben des Naturkostfachhandels um 17,7 Prozent. Ein Boom, der vermehrt auch außerhalb von Bioläden zu spüren ist, dadurch, dass immer mehr Supermarktketten vegane Produkte in ihr Sortiment aufnehmen.

All das sind Informationen, die Schmidt gemeinsam mit den rund 60 Mitstreitern von „Vegan in Halle“ an Interessierte weitergibt. Dazu veranstaltet der Verein Infoabende, betreibt einen eigenen Blog (www.vegan-in-halle.de) oder lädt einmal im Monat zum veganen Kaffeeklatsch. „Dazu ist jeder, egal welche Ernährungsweise er bevorzugt, eingeladen. Das Tolle daran ist, dass man einige verschiedene vegane Speisen probieren kann und eben sieht, was so möglich ist“, so der 32-Jährige. Sollte sich nun jemand entscheiden, vegan zu leben, rät Schmidt aber vorher noch einen Arzt zu konsultieren. Klingt kompliziert, ist aber mehr als vernünftig, denn die Ernährungsweise birgt auch Risiken wie Mangelerscheinungen in sich, die medizinisch abgeklärt sein sollten. An erster Stelle steht hier bei der Vitamin-B12-Mangel. Das Vitamin kann nur über tierische Produkte wie Fleisch, Milch, Käse oder Eier vom Körper aufgenommen und verwertet werden. Fehlt es, kann es im schlimmsten Fall zu Blutarmut und Nervenschäden führen.

Auch Kristjan Schmidt hatte dieses Thema anfänglich unterschätzt, denn bis der körpereigene Speicher an Vitamin-B12 verbraucht ist, können einige Jahre vergehen. Bei einer Routineuntersuchung erhielt er aber die Gewissheit, dass die Blutwerte nicht im Soll sind. Eine Spritzentherapie konnte schließlich Abhilfe schaffen.

Allein dieses Beispiel zeigt schon, dass zum veganen Leben mehr dazugehört als nur einmal eben das Sonntagsschnitzel, das Frühstücksei oder die heiße Schokolade von seinem Speiseplan zu verbannen. Die vegane Ernährung ist eine Einstellung, die das bisherige Leben so ziemlich umkrempeln kann.