Hollywood an der Saale

Wir sind jung, Wir sind stark (Zorro Film)

Bereits vor sieben Jahren machten wir uns auf die Suche nach Drehorten in Halle. Da dies schon eine Weile her ist, war nun die Zeit reif für einen weiteren Stadtrundgang durch die Hallywood-Diva an der Saale. Viele Filme wurden in den letzten Jahren in Halle gedreht. Es waren sogar so viele Streifen, dass wir die Auswahl von Filmen und Drehorten auf Kinofilme beschränken mussten, und wir sind uns sicher, dass wir nicht alle Filme recherchieren konnten. Es fehlen also auch die beliebten Zorn-Filme, die Halle in so schönem und schaurigem Krimilicht erleuchten und dem Zuschauer die kalten Schauer die Rücken herunterlaufen ließen. Aber dafür haben wir Folgendes für Sie gefunden.

Wir sind jung, wir sind stark


Zu seltener und vielleicht zweifelhafter Berühmtheit gelangte einer der letzten noch unsanierter Plattenbau im Osten - in der Murmansker Straße/ Ecke Elsa- Brändström-Straße in Halle. Der Grund: Es war der letzte DDR-Neubaublock zwischen Rostock, Berlin und Suhl, den man im Frühjahr 2013 noch unsaniert, unverbaut und leerstehend vorfand, sodass man dort einen Film drehen konnte. Gedreht wurde „Wir sind jung, wir sind stark“, ein Film über die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992. In den Hauptrollen kann man unter anderen die Hallenserin Saskia Rosendahl sowie Devid Striesow, Jonas Nay und Trang Le Hong sehen. Die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) verlieh dem Film das Prädikat „besonders wertvoll“. Bei der Präsentation des Films bei den Hofer Filmtagen im Oktober 2014 wurden Jill Schwarzer (Szenenbild) und Juliane Maier (Kostüme) ausgezeichnet. Regisseur Qurbani wurde für den „German Cinema New Talent Award“ nominiert. Darüber hinaus erhielt der Film drei Nominierungen beim Deutschen Filmpreis 2015 in den Kategorien „Bester programmfüllender Spielfilm“ und „Beste Kamera“. Joel Basman“gewann den Preis als „Bester Nebendarsteller“. Leider kann man von dem Neubaublock aus dem Film nicht mehr viel sehen, denn er wurde abgerissen. Was man aber sehen kann, ist das Landeszentrum für Körperbehinderte in der Murmansker Straße. Dort befand sich im Film die Polizeiwache.



Timm Thaler und das verkaufte Lachen


Eine unscheinbare Gasse mitten im Zentrum von Halle spielt eine „Hauptrolle“ in diesem Abenteuer von Timm Thaler. Wenn man vor dem Marktschlößchen steht und auf die Tourist-Info schaut, muss man sich um 90 Grad nach rechts drehen und entdeckt das Gässchen „Kühler Brunnen“. Man erblickt hier ein großes Wohnhaus namens Kühler Brunnen, welches aufgrund seiner frühen Entstehungszeit in den 1520/30er-Jahren zu den wenigen noch erhaltenen Denkmälern der mitteldeutschen Frührenaissance zählt. Das Anwesen mit zwei Innenhöfen erstreckt sich vom halleschen Markt entlang der Gasse Kühler Brunnen bis zur Großen Nikolaistraße. Dies alles verwandelte der Szenenbildner Uli Hanisch („Das Parfum”) im September 2015 in Timm Thalers Nachbarschaft. Jedes Anzeichen moderner Zivilisation wurde entfernt oder verdeckt, um den Häusern den märchenhaften Charme eines Armenviertels der 1920er-Jahre zu geben. Die Innenaufnahmen in der Wohnung und im Treppenhaus der Familie Thaler fanden in einem anderen Wohnhaus in Halle statt. Der Film kam im Februar 2017 in die deutschen Kinos und hatte knapp 300.000 Besucher. Er erhielt zahlreiche Nominierungen und in den Hauptrollen kann man unter anderem Axel Prahl, Andreas Schmidt, Jule Hermann, Charly Hübner, Fritzi Haberlandt, Thomas Ohrner, Harald Schmidt und den Liedermacher Heinz-Rudolf Kunze sehen. Für die fünf Drehtage in Halle wurden etwa 200 Komparsen benötigt.

Vorwärts immer! und Liebe Mauer

Dass man in Halle nach wie vor ganz gut die DDR wieder aufleben lassen kann, ist unter Filmemachern ein offenes Geheimnis. Einige Straßenzüge sind bereits für mehrere DDR -Filme Kulisse. Die Straßenecke Rudolf-Breitscheid- Straße/ Ecke Ernst-Toller-Straße kann man in den Filmen „Vorwärts immer – rückwärts nimmer“ und „Liebe Mauer“ sehen. Ersterer ist eine Parodie auf Erich Honecker, den vorletzten Staatsratsvorsitzenden der DDR , während der andere eine Liebeskomödie an der Mauer erzählt. Für „Liebe Mauer“ wurde ein Stück des berühmten Grenzwalles dort aufgebaut, wo man momentan eine Grünfläche und das ehemalige Maritim-Hotel erblickt. Der Film „Liebe Mauer“ von Regisseur Mario Timm, unter anderem mit Felicitas Woll und Uwe Steimle, erschien im Jahr 2009, und acht Jahre später wurde die Ecke wieder Drehort. Im Film „Vorwärts immer!“ sieht man in verschiedenen Straßenszenen im Hintergrund die markanten Wohnblöcke am Riebeckplatz aufblitzen.



Wild (NFP Filmproduction)

Tschick


Halle-Neustadt hat es den Filmemachern besonders angetan. Gerade die im Herzen dieses Stadtteiles stehenden markanten sogenannten Hochhausscheiben dienen immer wieder als Filmkulisse. Fatih Akin (Gegen die Wand, Soul Kitchen, Aus dem Nichts) dreht hier für den Film „Tschick“ nach dem gleichnamigen Buch von Wolfgang Herrndorf. Die Geschichte erzählt von zwei jugendlichen Außenseitern aus Berlin, die sich zu Beginn der Sommerferien in einem gestohlenen Auto quer durch Ostdeutschland in Richtung Walachei auf den Weg machen. Die Scheiben verkörpern in dem ostdeutschen Roadmovie allerdings den Berliner Stadtteil Marzahn. Ein zweiter wichtiger Drehort des Filmes war das noble Haus der Hauptfigur Maik. Dafür nutzte man eine Villa mit Pool in der Nähe der Scharnhorststraße. Der Film startete im September 2016 in den Kinos und wurde mit Preisen überhäuft: Er erhielt den Bayerischen Filmpreis 2017, den Europäischen Filmpreis 2017, den New Faces Award 2017 und ebenso sammelte er noch zahlreiche Nominierungen im In- und Ausland.

Wild


Ebenso wie Fatih Akin ist auch die Schauspielerin und Regisseurin Nicolette Krebitz von den Hochhausscheiben fasziniert. In ihrem dritten Regiewerk, Kinostart April 2016, wohnt und lebt die junge Ania, gespielt von Lilith Stangenberg, in den Häusern. Die zurückgezogene und schüchterne Frau lebt alleine in einem Apartment. Sie arbeitet für den ziemlich miesen Chef Boris in einer Technikfirma. Eines Tages trifft sie auf dem Nachhauseweg einen Wolf. Diese Begegnung ändert ihr Leben. Denn irgendwie schafft sie es, das Tier in die Wohnung zu locken. Und auf einmal erwacht eine große Leidenschaft in ihr. Mehr und mehr entdeckt sie ihre animalische Seite: Die Lust auf Sex wächst, das Interesse an sozialen Normen sinkt. Der an David Lynchs Werke erinnernde Film erhielt zahlreiche Auszeichnungen, wie den Günter-Rohrbach-Filmpreises 2016 und den Deutschen Filmpreis 2017 in Bronze in den Kategorien „Bester Spielfilm“, „Beste männliche Nebenrolle“, „Beste Kamera/Bildgestaltung“ und „Beste Tongestaltung“.



Ente gut! Mädchen allein zu Haus


Nur ein paar Meter von den Hochhausscheiben entfernt in Richtung Halles Innenstadt drehte der Regisseur Norbert Lechner den Film „Ente gut! Mädchen allein zu Haus“. In dem Kinderfilm aus dem Jahr 2016 geht es um die elfjährige Linh und ihre kleine Schwester Tien, welche plötzlich auf sich allein gestellt sind, als ihre Mutter nach Vietnam muss, um sich um die kranke Oma zu kümmern. Doch das darf niemand erfahren – vor allem nicht das Jugendamt. Doch die selbsternannte Spionin Pauline aus dem Wohnblock gegenüber entdeckt das Geheimnis und droht, die beiden Mädchen zu verraten. Aus der anfänglichen Erpressung wächst bald eine Freundschaft… Als Kulisse für den Film dienten die sogenannten Marseille-Hochhäuser am Eingang von Halle-Neustadt. Wenn man aus Richtung Halle kommt, kann man diese nicht übersehen. Aber auch einige andere Straßenecken in der näheren Umgebung kann man im Film wiedererkennen. Der Film ist der Gewinnerfilm der Initiative „Der besondere Kinderfilm“ und ist in seiner Aktualität ein überzeugendes Plädoyer für Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Toleranz. Außerdem lief er im Wettbewerb „Generation Kplus“ der Berlinale 2016.

24 Wochen


Das Jahr 2016 war, wie man sicher merkt, ein gutes Jahr für den halleschen Film. Denn es kam ebenfalls der Streifen „24 Wochen“ auf die Leinwand, der zur Hälfte in Halle und zur anderen Hälfte in Leipzig gedreht wurde. Der Film der Regisseurin Anne Zohra Berrached wurde im Rahmen der 66. Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale) als einziger deutscher Beitrag uraufgeführt und konkurrierte dort im internationalen Wettbewerb um den Goldenen Bären. In dem Film wird das schwierige Thema Schwangerschaftsabbruch behandelt. Es geht um Astrid und Markus, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Astrid lebt und liebt ihren Beruf als Kabarettistin, ihr Mann und Manager Markus unterstützt sie besonnen und liebevoll. Doch als die beiden ihr zweites Kind erwarten, wird ihr Leben aus der Bahn geworfen: Bei einer Routineuntersuchung erfahren sie, dass das Baby schwer krank ist. Die Diagnose trifft sie wie das blinde Schicksal, das sie auf sich nehmen müssen. Gemeinsam wollen sie lernen, damit umzugehen. Doch während Heilungspläne, Ratschläge und Prognosen auf sie niederprasseln, stößt ihre Beziehung an ihre Grenzen. Gedreht wurde dafür viel in einem Krankenhaus, genauer im Elisabeth-Krankenhaus in Halle, und das sogar mit echten Ärzten. Der Film wurde als bester Wettbewerbsbeitrag der Berlinale ausgezeichnet. Auf dem Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern erhielt er den Preis für die „Beste Regie“, den Publikumspreis sowie den Förderpreis der DE FA-Stiftung. Und Regisseurin Anne Zohra Berrached erhielt für ihr Werk den Studio Hamburg Nachwuchspreis in der Kategorie „Beste Regie“. Außerdem erhielt sie, gemeinsam mit Julia Jentsch, den den Günter-Rohrbach-Filmpreis der Saarland Medien GmbH.